Das Handwerk macht seinem Ärger Luft: klare Krisen-Ansagen in Richtung Berlin

Die Energiepreise explodieren, die Zinsen steigen, nicht mehr funktionierende Lieferketten, Rohstoffmangel und fehlende Fachkräfte: Probleme über Probleme, für die Edeltraud Stribick, die zusammen mit ihrem Mann Klaus in Holzgerlingen seit vielen Jahren ein Heizungsbau-Unternehmen leitet, von der Politik praktikable und praxisnahe Lösungen erwartet. „Weil wir mittelständischen Unternehmen diejenigen sind, die das Rad in unserem Land am Laufen halten“, sagt sie.

Sie kritisiert, dass die Politik sich trotz Krise noch immer mit zu vielen Nebenschauplätzen beschäftigt, anstatt dort entschlossen zu handeln, wo dringend gehandelt werden müsse. Und sie hat in Gesprächen mit Handwerkskollegen erfahren, dass sie mit ihrer Meinung keineswegs alleine unterwegs ist. Also hat sie ihre Kollegen zu einem Werkstattgespräch in ihre Firma eingeladen, ebenso Bürgermeister Ioannis Delakos und den Böblinger CDU-Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz. Um den Volksvertretern ein mit klaren Ansagen gefülltes Aufgabenpaket mit nach Berlin zu geben. 25 Unternehmer kommen ebenso wie Ioannis Delakos.

Dass Marc Biadacz nicht einer der Regierungsparteien angehört? „Das ist mir gleich. Mir geht es nicht um Koalition oder Opposition. Sondern darum, dass unsere Botschaft in Berlin ankommt“, sagt Edeltraud Stribick. Worüber dort nämlich in vielen Bereichen diskutiert und entschieden werde, sei nur möglich, wenn die Wirtschaft funktioniert. „Und die Wirtschaft, das sind wir“, so die Unternehmerin und fordert dazu auf, dieses Werkstattgespräch zu nutzen, um Klartext zu reden. „Das hier ist kein Kuschel-Aktionismus mehr. Darüber sind wir längst hinaus.“

Kritik an der Regierung

„Ich bin nicht als CDU-Heini hier“, erklärt Marc Biadacz und sichert den Unternehmern in der Werkstatt zu, ihre Anliegen in zwei Wochen mit nach Berlin zu nehmen und dort zu platzieren. Er habe sich auch schon mit Edeltraud Stribick unterhalten – und das, was sie gesagt habe, habe das bestätigt, was er auch in vielen anderen Gesprächen erlebt habe. „Wir stehen vor sehr, sehr schwierigen Zeiten. Wir haben eine Notsituation. Wir müssen Prioritäten setzen“, sagt er.

Oppositionsarbeit wolle er in der Werkstatt keine betreiben, sagt Marc Biadacz. Und schafft es trotzdem nicht, die Regierung nicht zu kritisieren. Zu lange habe man über die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke diskutiert, zudem sei er sich sicher, dass das Thema im Februar erneut aufschlagen werde. Jetzt das Bürgergeld einzuführen, halte er für ein falsches Signal. Und dass es noch immer keinen Gesetzesentwurf dafür gebe, wie das 200 Milliarden Euro schwere Hilfspaket, das Biadacz für richtig hält, verwendet werden soll, kann er nicht nachvollziehen. Er befürchtet aber, dass das Geld erneut „nicht zielgerichtet, sondern mit der Gießkanne“ verteilt wird. Dann will er von den Unternehmern wissen, wo der Schuh drückt. Wie dem Mittelstand geholfen werden kann – auch in Sachen Fachkräftemangel.

300 Prozent höhere Energiekosten

Die Energiepreise wirken sich, je nach Branche, unterschiedlich aus, sagt Alexander Wanner, Geschäftsführer der Bäckerei Wanner. Selbst bei den jetzt von der Expertenkommission vorgeschlagenen Hilfen müssten Bäckerbetriebe noch immer mit 300 Prozent höheren Energiekosten rechnen, rechnet er vor. „Wie soll der Mittelstand das machen? Wie soll das gehen?“, fragt er. „Das Gießkannenprinzip ist der falsche Weg.“

Dann melden sich andere Unternehmer aus anderen Branchen – Glaser, Schreiner, Architektur, Sanitär und Heizung, Innenausbau oder Landschaftsbau – zu Wort. Was sie sagen, passt für sämtliche Bereiche. Sie verstehen nicht, warum es eine Gaspreisbremse geben soll, über die starke Verteuerung von Öl und Pellets aber nicht geredet wird, sie fragen, warum man in der aktuellen Krise nicht die weitere Bepreisung von CO2 verschieben könne, sie weisen darauf hin, dass in den Auftragsbüchern wegen der Zinssteigerungen schon Lücken auftauchen würden. Sie sagen durch die Bank: „Es geht um Existenzen.“

Zustimmung bekommen die Unternehmer von Ioannis Delakos. Er verweist darauf, dass Städte und Gemeinden von der Krise gleichermaßen betroffen sind. Dass es für Kommunen bei höheren Ausgaben immer schwieriger sei, Vorgaben von Bund und Land zu erfüllen. Siehe Fachkräftemangel im Bereich von Erzieherinnen, neue Umsatzsteuergesetzgebung oder Unterbringung von Flüchtlingen. „Woher sollen wir’s nehmen?“, fragt, wie die Mittelständler, auch der Bürgermeister. Marc Biadacz stimmt zu: „Wir können nicht so tun, als würde es keine Krise geben, und machen einfach so weiter wie in den vergangenen 10 Jahren. Es geht jetzt nicht darum, unseren Wohlstand auszubauen, sondern darum, unseren Wohlstand zu sichern.“

Text, Bild: Dirk Hamann

Der Werkstatt-Politiktreff geht in die zweite Runde

Nach dem Gesprächstermin mit Marc Biadacz (MdB, CDU) findet im zweiten Schritt jetzt ein Gespräch mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Jasmina Hostert am Samstag, 10. Dezember, 11 Uhr, statt.